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Die langsame Waffe

Wirtschaftskrieg wirkt – aber nicht so, wie seine Verfechter versprechen. Und genau darin liegt eine Investmentchance für Europa.

Marktanalyse

Wer glaubt, Sanktionen könnten eine feindliche Volkswirtschaft innerhalb von Monaten in die Knie zwingen, irrt. Die Geschichte des Wirtschaftskriegs lehrt etwas anderes: Handelssperren und Finanzsanktionen entfalten ihre Wirkung graduell, kaum sichtbar – und sie allein, ohne militärische oder diplomatische Begleitung, haben Staaten selten zur Verhaltensänderung bewegt. Eine umfangreiche historische Aufarbeitung, die Ökonomen aus mehreren Jahrhunderten wirtschaftlicher Konflikte ausgewertet hat, kommt zu einem ernüchternden Befund: Sanktionen erreichten in einem beachtlichen Zeitraum im 20. Jahrhundert ihre erklärten Ziele in weniger als der Hälfte der Fälle.

Key Takeaways

Wirtschaftssanktionen wirken langsam und selten allein – ihre Stärke liegt in der kumulativen Zermürbung, nicht im schnellen Kollaps. Ein Waffenstillstand in der Ukraine würde Europa nicht nur geopolitisch entlasten, sondern einen erheblichen Wachstumsschub auslösen: durch sinkende Energiepreise, erholte Konsumstimmung, Wiederaufbauprogramme und staatliche Investitionsströme. Europäische Aktien und der Euro sind aktuell strukturell unterbewertet – der MSCI Europe bietet eine direkte Möglichkeit, an einer solchen Erholung zu partizipieren.

Die Illusion des schnellen Sieges

Die Geschichte ist voll von Feldherren und Strategen, die glaubten, wirtschaftlicher Druck könne Kriege rasch entscheiden. Während des Ersten Weltkriegs waren manche Militärstrategen überzeugt, durch den Einsatz von U-Booten den Krieg in wenigen Monaten zu gewinnen. Dekaden später hielten alliierte Planer im Zweiten Weltkrieg die gezielte Zerstörung bestimmter Industriezweige für ausreichend, um die kriegswirtschaftliche Kapazität des Gegners zu brechen. Und die napoleonischen Kontinentalblockaden sollten England zur Verhandlung zwingen – sie scheiterten ebenfalls. Das Muster wiederholt sich: Wirtschaftliche Druckmittel wirken nicht wie ein Lichtschalter. Sie funktionieren eher wie Erosion – langsam, stetig, und in ihrer Wirkung schwer vorherzusagen.

Russland: Zermürbung statt Kollaps

Das gegenwärtige Beispiel Russlands illustriert dies eindrücklich. Nach dem Beginn des umfassenden Angriffskriegs auf die Ukraine im Jahr 2022 wurde ein beispielloses Sanktionspaket geschnürt. Analysten sagten wirtschaftlichen Zusammenbruch und politischen Umsturz voraus. Beides ist ausgeblieben. Stattdessen zeigt sich das klassische Muster: kurzfristige Anpassung durch kriegsgetriebenes Staatsausgaben, mittelfristige Erschöpfung. Das Wirtschaftswachstum, das im ersten Jahr nach massiver Rüstungskonjunktur noch beachtlich war, hat sich seitdem deutlich abgeschwächt. Inflation und Zinsen sind markant gestiegen, Realeinkommen gesunken, zivile Industrien leiden unter Investitionsarmut. Die Sanktionen erfüllen ihren Zweck – sie zerreiben, ohne zu zerbrechen. Sie schränken die Kriegsfähigkeit ein, ohne das Regime zu Fall zu bringen. Ähnliches gilt für den Iran: Zwei Jahrzehnte westlicher Sanktionen haben der iranischen Volkswirtschaft und der Zivilbevölkerung schwer geschadet, ohne die außenpolitische Ausrichtung des Landes grundlegend zu verändern. Auch hier gilt: langsam, stetig, unvollständig.

Was ein Kriegsende für Europa bedeuten würde

Die wirtschaftlichen Kosten des Ukraine-Kriegs für Europa sind enorm und chronisch unterschätzt. Die Erholung der EU nach der COVID-Pandemie verlief langsamer als erwartet – wesentlich bedingt durch den Krieg in der Ukraine. Die Energieabhängigkeit des Kontinents von russischem Gas, die in Deutschland vor dem Krieg mehr als die Hälfte des Gasbedarf abdeckte, zwang zur teuren und hastigen Diversifizierung. Der stärkste Bremseffekt war das Explodieren der Energiepreise infolge des massiven Rückgangs russischer Lieferungen. Ein glaubwürdiger Waffenstillstand oder Friedensschluss würde mehrere Wachstumskräfte gleichzeitig freisetzen: Energiepreise: Obwohl eine vollständige Rückkehr zu russischen Gaslieferungen politisch unwahrscheinlich ist, würde allein die geopolitische Entspannung die Risikoprämien auf den Energiemärkten drücken. Günstigere Energie entlastet energieintensive Industrien – besonders in Deutschland – und erhöht die Kaufkraft privater Haushalte. Konsumstimmung: Die Energiepreis-Explosion hat die Realeinkommen gesenkt und viele Bürgerinnen und Bürger dazu veranlasst, ihre Ausgaben einzuschränken. Ein Ende des Kriegs würde das psychologische Klima in Europa spürbar aufhellen. Konsumzurückhaltung, die maßgeblich durch Verunsicherung und nicht durch echte Einkommensarmut getrieben ist, ließe sich rasch in Nachfrage umwandeln. Staatsausgaben und Wiederaufbau: Die EU hat bereits Investitionsrahmen in Milliardenhöhe aufgelegt, um Ukraines Wiederaufbau zu finanzieren. Diese Mittel kämen zu einem erheblichen Teil europäischen Unternehmen zugute: Baukonzerne, Infrastrukturdienstleister, Energietechnik, Maschinenbau. Kapital, das in Erwartung eines Friedensdividende angelegt wird, hat historische Vorbilder – und erste Marktbewegungen antizipieren dies bereits. Staatsquote und Haushaltsspielraum: Der Krieg hat europäische Regierungen gezwungen, massiv in Rüstung, Energiesicherheit und Flüchtlingsversorgung zu investieren. Mit nachlassendem Druck entstünde fiskalischer Raum – sowohl für produktive Staatsausgaben als auch für steuerliche Entlastungen.

Investmentthese: Europa ist strukturell unterbewertet

Europäische Aktien notieren seit Jahren mit einem erheblichen Bewertungsabschlag gegenüber US-Titeln. Dieser Abschlag ist nicht ausschließlich fundamental gerechtfertigt – er spiegelt zu einem wesentlichen Teil das geopolitische Risikoumfeld wider: Krieg auf europäischem Boden, Energieunsicherheit, gedämpfte Wachstumsaussichten. Große Investmenthäuser wie Goldman Sachs und Bank of America haben ihre Kursziele für europäische Indizes in einem Friedensszenario bereits angehoben und ihren Kunden empfohlen, breite Exposure in europäische Aktien aufzubauen. Ein Waffenstillstand würde nicht nur diese Risikoprämien abbauen, sondern gleichzeitig den Euro stärken – denn eine prosperierendere, geopolitisch stabilere Eurozone reduziert den Abfluss von Kapital in sicherere Währungsräume. Der MSCI Europe bietet eine diversifizierte, kostengünstige Möglichkeit, an dieser Erholung zu partizipieren. Der Index umfasst Unternehmen aus fünfzehn entwickelten europäischen Märkten und deckt sowohl zyklische Sektoren ab, die von sinkenden Energiekosten profitieren (Industrie, Chemie, Automobile), als auch Wiederaufbau-Profiteure (Bau, Infrastruktur, Energietechnik) und defensive Ertragsquellen (Pharma, Konsumgüter). Als währungsexponiertes Investment steigt sein Wert für Euro-Anleger zusätzlich, wenn der Euro gegenüber dem Dollar aufwertet – was in einem Friedensszenario wahrscheinlich ist. Wirtschaftskrieg wirkt langsam. Aber er endet auch langsam – und der Markt preist das Ende oft zu spät ein.

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